André Ziegenmeyer: „Schreiben ist meine Art über etwas nachzudenken“

Schon in der Grundschule fing André Ziegenmeyer mit dem Schreiben von Kurzgeschichten an und bis heute sind kurze Erzählungen sein liebstes Genre. Das Schreiben gehört so sehr zu seinem Leben, dass er sogar Entzugserscheinungen bekommt, wenn er Erlebtes nicht auf Papier bringt. Wir haben mit dem Autor im Interview über seine Entwicklung als Schriftsteller und den Alltag als beste Inspirationsquelle gesprochen und dabei unter anderem erfahren, warum er in seinen Erzählungen so gerne mit Märchenelementen spielt.

André Ziegenmeyer

Biographische Geschichten mit märchenhaften Elementen

Jeder hat wohl schon die ein oder andere skurrile Situation erlebt, die einem im Gedächtnis bleibt. Doch statt sie nur als lustigen Schwank auf der nächsten Party zu erzählen, schreibt André Ziegenmeyer sie auf und macht daraus unterhaltsame Kurzgeschichten.

„Gerade mein neues Buch „Ententanz und Armageddon“ enthält viele biographische Geschichten. Einige davon sind erheblich skurriler, als alles, was ich mir selbst hätte ausdenken können. Wenn man es genau nimmt, ist das Leben die einzige Inspirationsquelle. Denn auch Autoren sind erschreckend simpel gestrickt. Alle Eindrücke wandern ins Unterbewusstsein. Einige rumoren dort so lange herum, bis sie als Geschichte wieder zum Vorschein kommen.“

„Ich mag den Gedanken, dass auch in jedem erwachsenen Zuhörer noch irgendwo dieses Kind steckt.“

Dass er dabei gerne mit Fantasy-Elementen spielt, hängt auch mit seinen eigenen Lesegewohnheiten zusammen: „Ich liebe Michael Ende, Walter Moers und Co. Allerdings kann ich mit vielen Büchern, die unter „Fantasy“ gehandelt werden, nichts anfangen. Deshalb sind viele meiner Texte für mich Alltagsmärchen. Durch sie kann ich mit den Grenzen der Wirklichkeit spielen, was mir viel Spaß macht. Davon abgesehen sind Märchen und Sagen eine sehr alte, archaische Art des Erzählens. Sie appellieren an das Unterbewusste. Nicht zuletzt enthalten Märchen viele klassische Figuren und Muster, mit denen ich herumexperimentieren kann. Außerdem kennt sie jeder aus seiner Kindheit. Und ich mag den Gedanken, dass auch in jedem erwachsenen Zuhörer noch irgendwo dieses Kind steckt.“

Hermann

Die Geschichten-Maschine Hermann

Die Kurzgeschichte ist für den Autor die bevorzugte Erzählform für seine skurrilen Alltagsmärchen. „Es ist eine sehr konzentrierte Form des Erzählens. Ich muss genau wissen, was ich will, und in wenigen Sätzen auf den Punkt kommen. Nicht jede Idee ist für einen so minimalistischen Aufbau geeignet. Aber es ist eine Herausforderung. Ich muss genau die richtigen Worte finden. Auch die Live-Hörspiele, die ich mit meiner Geschichten-Maschine Hermann aufführe, sind eigentlich nur mit Kurzgeschichten möglich.“

Blind Date mit dem Publikum

Angefangen mit dem Schreiben hat André Ziegemeyer schon in der Grundschulzeit. Seine Erstlingswerke wird man aber wohl nie zu lesen bekommen. „Die werden gut unter Verschluss gehalten“, so der Autor. „Mit 17 oder 18 wurde mir das Schreiben dann wichtig. Ich fing damit an, Ereignisse, die mich bewegten, in Buchstaben einzufangen. Mal waren es nur wenige Zeilen, mal wurden es kurze Texte oder Gedichte. Das hat sich im Grunde bis heute nicht geändert. Schreiben ist meine Art über etwas nachzudenken.“

Der erste, der seine Texte zu hören bekommen hat, war ein sehr guter Freund von André: „Er hat sich über die Jahre einiges anhören dürfen. Aber da er immer noch meine Bücher liest, scheint es keinen bleibenden Schaden hinterlassen zu haben.“

Irgendwann folgte dann der Schritt auf die Bühne, Lesungen vor Publikum: „Mittlerweile mache ich das seit mehr als zehn Jahren. Aber das Lampenfieber bin ich nie losgeworden. Jede Lesung ist für mich eine Art Blind Date mit dem Publikum. Ich kann nie wirklich wissen, worauf die Leute vor mir stehen, was für eine Art Abend sie erwarten. Erst wenn ich merke, dass der Funke wirklich überspringt, werde ich ruhiger.“

Freiheit beim Schreiben

André Ziegenmeyer nutzt vor allem offene Lesebühnen, aber auch Poetry Slams, um seine Werke der Öffentlichkeit zu präsentieren. Man kann ihn auch für Lesungen und Veranstaltungen buchen. Dass die große Karriere nicht sein Ding ist, war ihm aber schon früh klar. „Klar fühlt es sich toll an, wenn ich am Ende eines Slams einen Pokal in der Hand halte. Ein Schreibstil, der sich geradliniger vermarkten lässt, wäre auf lange Sicht nicht schädlich. Aber wichtiger ist es mir, mich immer wieder ausprobieren zu können. Ich muss beim Schreiben keine Grenzen respektieren. Für mich beinhaltet das Schreiben eine großartige Freiheit. Ich kann tun und lassen, was ich will. Wenn dabei Mist herauskommt, ist das ok. Ich muss es ja nicht vorlesen.“

„Das Schreiben ist zu einem festen Bestandteil meines Lebens geworden – inklusive Entzugserscheinungen“

Obwohl das Schreiben für ihn als Redakteur einer Tageszeitung und Autor einen Großteil seiner Zeit einnimmt, wird es ihm dennoch nicht zu viel: „Falls ja, sollte man mich am besten gleich beerdigen. Aber ernsthaft: Das Schreiben ist zu einem festen Bestandteil meines Lebens geworden – inklusive Entzugserscheinungen. Wenn ich ein paar Wochen nichts zu Papier bringe, werde ich unausstehlich. Ich werde körperlich unruhig und fange an, immer schrägeren Kram zu träumen. Ich mag meinen Gehirnfasching. Aber es ist vermutlich für alle Beteiligten das Beste, wenn ich ihn in feste Bahnen lenke.“

Weitere Infos und Live-Termine

Von André Ziegenmeyer gibt es bereits eine ganze Reihe Veröffentlichungen, neben Kurzgeschichten und Gedichten auch der Roman „Schatten über Schinkelstedt“ (Erschienen: Juli 2008 Verlag: Periplaneta). Sein neuestes Werk ist der Kurzgeschichtenband „Ententanz und Armageddon“, das wir Euch als Buch-Tipp vorstellen.

Alle Infos zum Autor und seinen Werken gibt es auf seiner Webseite: andre-ziegenmeyer.de! Dort findet man sowohl Lese- als auch Hörproben seiner Texte!

Auch live sollte man sich André Ziegenmeyer und seine Geschichten-Maschine Hermann nicht entgehen lassen. Hier die nächsten Termine:

30. April 2015: Beltane-Feier (Rübeland/Harz)
Kreuzmühle
Kreuztal 68
Beginn: 18.30 Uhr

29. Mai 2015: KuBa Halle (Wolfenbüttel)
Lindener Str. 15
Beginn: 20 Uhr

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